Letzte Sekunden

Einige Male waren sie ihm verschwommen und von Ferne in den Blick gekommen, auf abscheulichen Fotografien, nach denen er kaum Ausschau gehalten hatte. Auf Bildern, die ihn unverhofft, beim Umblättern einer Seite - in einem Buch oder in einer Illustrierten - überfallen und getroffen hatten, die grausig genug gewesen waren, ihm einen Schauder aufzuzwingen, der sich nicht mit dem ersten Erschrecken abschütteln ließ. Momentaufnahmen dieser letzten Sekunden, für die Nachwelt festgehalten von Unbekannten, die ja immerhin dabei gewesen sein mussten und vielleicht nur fotografiert hatten, um sich hinter dem Kameraobjektiv verstecken zu können. Zum Beispiel in irgendeinem Bürgerkrieg: Lachende Milizionäre posierten mit einem gefangenen und bereits schwer misshandelten Gegner vor der Kamera, bevor sie ihn, wie die Bildunterschrift erklärt hatte, endgültig umbrachten. Er hatte nicht einfach weiterblättern können, hatte sich im Gegenteil alles ganz genau ansehen müssen und versucht, sich diesen Moment vorzustellen. Was war in dem Mann vorgegangen in diesen letzten Sekunden in der Gewalt von Bestien, ganz und gar wehrlos und einen erbärmlichen und grausamen Tod vor Augen? Wie sah man das letzte an, das sie einen ansehen ließen, wie hörte man die letzten Geräusche, die man hören durfte? Nichts von alledem, was ihm in seinem Leben widerfahren war, hatte ihm auch nur eine ungefähre Vorstellung davon geben können und so hatte er dabei immer wieder nur ein vages Grausen empfunden - vor einem fernen Unheil, das ihn vermutlich nie würde erreichen können.

Und jetzt lag er in dieser Badewanne, nackt und schutzlos, und er konnte dem Schwein ins Gesicht sehen, das ihn umbringen würde. Letzte Sekunden, eine nach der anderen, sein Mörder hatte es nicht eilig! Lässig ließ er den Haartrockner am Kabel baumeln, viel zu wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche, während sein Geschwätz die Macht auskostete, die er in diesen Sekunden besaß.

Und er hörte zu, was das Schwein erzählte. War immer noch neugierig, jetzt, in diesen letzten Sekunden! Trotz der Todesangst, die er spürte, wie er noch nie zuvor eine Angst gespürt hatte. Denn dass ihm das, was er jetzt erfuhr, so einfach ausgerechnet aus diesem Munde ausgeplaudert wurde, konnte nur bedeuten, dass sein Tod beschlossene Sache war.

Seine Neugier hatte ihn soweit gebracht! Sie war vielleicht schon immer da gewesen, hatte nur zuvor, während seines faden und ereignisarmen Lebens, niemals einen Anhaltspunkt gefunden, an dem sie sich hätte entzünden können. Dann, vor noch nicht einmal einem Monat, war sie ausgebrochen: Er hatte Silvia kennen gelernt ...

 

Anlass zur Beunruhigung

Sie trug ein weiches, kurzes und vielleicht nachtblaues Kleid. Darunter wahrscheinlich nicht mehr allzu viel, der Tag war schließlich viel zu heiß! Sie mochte über Vierzig sein und ihr Anblick trieb für einen kurzen Moment seinen Puls in die Höhe, so unerwartet traf er ihn hier, auf dem breiten Flur der Altenpflegestation M3, jener grauen Welt voller Inkontinenzgerüche, durch die sich ehemalige Geschlechtsorgane bemerkbar machten.

Kein Ort, an dem man sich herausputzte und gefiel. Hier war Verfall zu besichtigen, körperlicher und geistiger, und die wenigen Besucher, die ihm bisher begegnet waren, hatten wahrscheinlich dem Ernst dieser Besichtigung entsprechend eine gewisse Sorgfalt darauf gelegt, dass ihr Äußeres keine frivole Lebensfreude aufkommen ließ. Die Jungen und die Schönen meiden in der Regel solche Orte sowieso.

Sie war nun in dieser Hinsicht eine Ausnahme und wahrscheinlich war ihr selbst ihre Attraktivität hier drinnen peinlich geworden, jedenfalls hockte sie einigermaßen verkrampft da, die Knie zusammengepresst und die Hände davor verschränkt, so, als wolle sie damit den Saum des Kleides verlängern und möglichst viel von den langen, leicht angebräunten Beinen verbergen.

Sie saß zusammen mit Göttle und dem Großvater in einer der Sitzgruppen, die man entlang des Flurs aufgestellt hatte und die mit ihren hellbraunen, abwaschbaren Kunststoffbezügen die Heiterkeit eines Sozialamts verbreiteten. Ausgemergelte alte Männlein bevölkerten den Raum, sie hockten meist regungslos da und starrten ins Leere, während einige wenige sich mit schlurfenden Schritten fortbewegten, auf ziellosen Spaziergängen durch die Station M3. Sie redeten, wenn überhaupt, in Selbstgesprächen, deren Sinn auch ein aufmerksamer Zuhörer nicht hätte begreifen können.

Als er näher kam, um den Großvater zu begrüßen, sprach sie ihn an: "Sie sind nun wohl der Enkel des Herrn Stolz." Ein angedeutetes Lächeln, wimpernschlagkurz. "Man hat mir erzählt, dass sie sich auch ein wenig um meinen Vater gekümmert haben. Das ist sehr nett von ihnen, ich danke ihnen dafür."

Das also war Göttles Tochter! Die ihren Vater einfach hier vergammeln ließ! Die Pflegerin Helga hatte ihm erzählt, dass Göttle schon seit langer Zeit keinen Besuch mehr bekommen habe ... auf ihren Dank war jedenfalls geschissen. Eigentlich wollte er sie unsympathisch finden.

Es war jedoch keine Frage des Wollens. Und im Grunde auch keine Frage von Sympathie oder Antipathie. Schon die Art und Weise, wie sie diese wenigen Worte gesagt hatte, eliminierte von vorneherein jeden nur möglichen Vorbehalt in ihm: Übertriebene Süßholzraspelei hatte sie nicht nötig und ganz selbstverständlich war sie nicht aufgestanden und hatte ihm auch nicht die Hand zur Begrüßung gereicht. Ihr genügte der Ton ihrer Stimme, warm und freundlich und irgendwie noch aufregend dazu. Sie hatte ihm ein gutes Lebensjahrzehnt voraus und sie hatte die Zeit dazu genutzt, ihre Wirkungen zu studieren und entwickeln.

Er war ihr übrigens schon einige Male begegnet, irgendwo im nächtlichen Treiben der Stadt, die noch klein genug war, dass in ihr eigentlich jede jedem hin und wieder über den Weg laufen musste, und so groß, dass man sich dabei meistens übersah. Er hätte zwar nicht sagen können, wann und wo genau sie sich schon getroffen hatten, aber er sah sie noch vor sich, wie sie auf irgendeinem Barhocker saß, im Gespräch mit jemandem, dessen Bild nicht in seiner Erinnerung auftauchte. Er jedenfalls hatte sie nicht übersehen.

Allerdings war es ihm zur lieben Gewohnheit geworden, es den Frauen nicht immer gleich mit Wort und Tat anzeigen, wenn sie ihm eine Pupillenerweiterung verursachten, und so brummte er zur Antwort bloß ein "Hmnja" und begrüßte stattdessen die beiden Alten neben ihr lauthals: "Grüß Gott Opa, hallo Herrgöttle!"
Letztere Anrede hatte er vom Pflegepersonal übernommen. Sie redeten hier in einigermaßen liebevollen Tönen auf ihre Schützlinge ein und so war ihnen der "Herr Göttle" zum "Herrgöttle" geworden - kein Mann mehr, sondern bloß noch ein putziges, kindliches Etwas. Das Herrgöttle eben.

Der Großvater sah ihn mit düster gefurchter Stirn an und entgegnete: "Was? Benzin?"

Göttle reagierte gar nicht, starrte nur mit seinem grimmigen Blick vor sich hin.

"Entschuldigung, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Silvia Göttle, seine Tochter." Sie deutete auf Göttle, der von ihr keine Notiz zu nehmen schien. "Die Schwester hat mir auch erzählt, dass sie ab und zu mit den beiden alten Herren ins Cafe hinüber gehen und Torte spendieren. Wie wäre es, wenn ich das heute übernehmen würde?" Das Lächeln, mit dem sie diese Einladung verpackte, kam erstaunlich schleimfrei zustande und lag so lässig in ihrem Gesicht, wie das Kleid auf ihrer Haut.

Aus welchem Stoff bestand dieses eigentlich? Er kannte sich darin nicht aus, jedenfalls schien es hauchdünn und war doch blickdicht, es musste sehr angenehm sein, an einem solchen Tag ein solches Kleid zu tragen.

Er gab zur Antwort: "Ins Cafe? Gerne, zum Spazierengehen ist es heute eh zu heiß."

"Gut!" sagte sie und erhob sich. Und zum Herrgöttle: "Vater! Komm, wir gehen aus!"

Komisch, dachte er, sie spricht ihn mit Vater an.

Göttle erhob sich. Er tat stets, was man ihm sagte, und war in dieser Hinsicht wahrscheinlich der pflegeleichteste Insasse der Station M3.

"Jetzt habe ich übrigens auch vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Thomas Haas."

Sie nickte. Offenbar hatte sie seinen Namen schon gekannt. Er dachte sich nichts dabei.
...

© Oliver Schilling 2002